Der verwischte Auftrag: Wie das Parkinson’sche Gesetz unser Zeitmanagement bestimmt

Der Herrscher eines mächtigen Landes hatte einen sehr großen Reitstall, in dem einige der prächtigsten Pferde des gesamten Königreiches standen. Jedes Jahr beauftragte er die Landesfürsten aus drei verschiedenen Teilen seines Reiches, für ihn die schönsten Pferde auszuwählen und seinem Stall zuzuführen. So schickte er auch in diesem Jahr drei Boten mit jeweils demselben Auftrag los. Die Boten gerieten am Tag ihrer Abreise jedoch in ein Unwetter, sodass der Regen durch ihre Satteltaschen hindurch die königlichen Briefe in Teilen unlesbar machte.

Der erste Fürst entnahm der Botschaft, dass er 10 Pferde innerhalb von einem Tag auswählen und dem König zukommen lassen sollte. Er handelte unter großem Zeitdruck und ließ sich deshalb jeweils das beste Pferd der Züchter bringen, die jedes Jahr wieder Preise für ihre Zucht gewannen. Der zweite Fürst verstand, dass er 10 Pferde innerhalb von 10 Tagen aussuchen sollte. Er ließ sich jeden Tag von verschiedenen Züchtern Tiere vorführen, von denen er am Ende 10 auswählte. Der dritte Fürst las, dass er 10 Pferde innerhalb von 100 Tagen in die Hauptstadt führen sollte. Er beriet sich lange mit den erfahrensten Züchtern seines Landesteils, um die Kriterien für die Auswahl der besten Pferde festzulegen. Nachdem sie sich endlich geeinigt hatten, nutzten sie die wohl bemessene Zeit von 100 Tagen, um die schönsten Pferde auf einer Reise durch die Region auszusuchen.

So kam es, dass der König bereits nach einem Tag 10 wunderschöne Pferde vorgeführt bekam. Es überraschte ihn sehr, dass der Fürst den Auftrag in einem Zehntel der von ihm angedachten Zeit so vortrefflich erledigt hatte. Wie erwartet kamen nach 10 Tagen prächtige Pferde aus der zweiten Region des Landes. Lange musste der König jedoch auf die Pferde aus der dritten Region warten. Sie müssen besonders wertvoll sein, sagte er zu seinen königlichen Beratern. Doch als die Hengste und Stuten endlich nach 100 Tagen seinen Stall erreichten, stellte sich heraus, dass sie in ihrer Qualität nicht die anderen Pferde übertrafen.

Der König überlegte, ob er den ersten Fürsten für seine Arbeit belohnen und den dritten Fürsten bestrafen sollte. So fragte er seinen erfahrensten Berater, was er tun solle. Dieser antwortete: Mein König, den ersten sollst du gerne belohnen. Den anderen strafe jedoch nicht, denn er ist einem Gesetz zum Opfer gefallen. Es lautet: Arbeit dehnt sich genau in dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Der König lächelte und sagte: Mein lieber Berater, bitte erinnere mich unbedingt an dieses Gesetz, wenn ich dir das nächste Mal einen Auftrag erteile!

About author

Sven von der Heyde